Die spielt doch nur mit meinem Kind.
- Barbara Wagner

- vor 2 Tagen
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Aktualisiert: vor 1 Tag
Diesen Satz höre ich oft, vor allem im Erstgespräch, wenn über vorangegangene Begleitungen gesprochen wird. Manchmal mit einem Lächeln, manchmal mit einem Zweifel: Ist das jetzt wirklich Förderung oder spielt die nur mit meinem Kind?
Und das ist eine berechtigte Frage, denn Therapie- und Fördereinheiten kosten Geld -und wenn man dann sieht, wie das eigene Kind fröhlich am Boden sitzt und spielt, fragt man sich zu Recht, was genau man sich davon eigentlich erwarten darf. Meine Antwort darauf ist immer dieselbe:
Wenn ein Kind das Gefühl hat, wir spielen nur, dann ist es das Beste, was mir passieren kann.
Denn dann habe ich es geschafft, etwas Neues, Schwieriges oder eine ganze Interaktion so zu gestalten, dass das Kind Freude daran hat, dass es gerne mitmacht und gerne wiederkommt. Und genau dieses Gefühl von Spaß, Leichtigkeit und Verständlichkeit ist kein Nebeneffekt, sondern die Grundlage dafür, dass überhaupt etwas gelernt werden kann. Manchmal heißt das, am Boden zu sitzen und mit dem Kind am Boden zu spielen.
Dabei ist es entscheidend, dass das Kind nicht das Gefühl hat, da kommt jemand von oben, jetzt muss ich etwas lernen. Genau dieses Gefühl führt schnell zu Vermeidung, Ablehnung oder anderen Ausbrüchen. Stattdessen soll das Kind denken: Ah, cool, die ist auf meiner Ebene, der kann ich was erklären, mit der kann ich spielen.
Was steckt in einer Runde UNO?
Nehmen wir ein Spiel, das fast jeder kennt: UNO. Auf den ersten Blick geht es um Farben und Zahlen, also Zeitvertreib und Beschäftigung. Aber wer genauer hinschaut, vor allem im Bereich der Entwicklungsförderung und Neurodivergenz, sieht in derselben Spielrunde noch sehr viel mehr. Und genau das macht ein einfaches Kartenspiel zu einem wertvollen Förderinstrument:
● Kognitive Grundlagen: Farben und Zahlen erkennen, zählen, Karten sortieren, sich merken, welche Farbe gerade gilt
● Frustrationstoleranz: Wie geht das Kind damit um, wenn es eine schlechte Karte zieht, wenn es verliert, wenn die Plus-Vier-Karte es gerade besonders hart trifft?
● Emotionsregulation: Wie zeigt sich Ärger, wie zeigt sich Freude, und wie kann beides ausgedrückt werden, ohne dass es zu einer Eskalation kommt?
● Kommunikation: Welche Worte oder Gesten stehen dem Kind zur Verfügung, um Frust, Ungeduld oder Begeisterung mitzuteilen, statt sie nur körperlich auszudrücken?
● Warten und Abwechseln: Wie halte ich es aus, dass gerade jemand anderer an der Reihe ist, während ich schon die nächste Karte legen möchte?
● Impulskontrolle: Warte ich, bis ich wirklich dran bin oder lege ich vorschnell, unterbreche ich, greife ich in die Karten der anderen
● Feinmotorik: Karten mischen, halten, sortieren, gezielt eine bestimmte Karte herausziehen, das ist für manche Kinder eine echte motorische Herausforderung
● Umgang mit eigenem Unvermögen: Was mache ich, wenn mir das Mischen nicht gelingt, wenn mir eine Karte runterfällt, wenn ich mich verzähle? Darf das passieren, ohne dass es peinlich wird?
● Soziales Verständnis: Regeln gemeinsam einhalten, auch wenn sie mir gerade nicht passen und nachvollziehen, dass die gleichen Regeln für alle am Tisch gelten
● Vorbildlernen: Wie geht mein Gegenüber selbst mit einer Niederlage um, mit einer schlechten Karte, mit dem eigenen Ärger, und was zeigt sie dem Kind damit ganz nebenbei vor? Welche Fragen stellt mein Gegenüber, um mir zu helfen, mit der Situation umzugehen?
Das ist eine ganze Reihe an beispielhaften Entwicklungsbereichen, die in einer einzigen Runde UNO gleichzeitig mitschwingen, ohne dass es sich für das Kind wie Arbeit anfühlt. Und ohne, dass Sie als Bezugsperson das Gefühl haben müssen, hier wurde nur gespielt und nichts gearbeitet.
Nichts davon passiert zufällig.
Es ist die Aufgabe der Fachperson, anhand der zuvor vereinbarten Themen, Förderziele und Entwicklungsbereiche genau die Spiele auszuwählen und so zu gestalten, dass das Kind diese Themen lernt, übt oder weiterentwickelt.
Es wird also nicht einfach UNO gespielt, sondern im Hintergrund ist ganz viel geplant: Reaktionen werden bewusst gesetzt, kleine Stolpersteine gezielt eingebaut, zum Beispiel eine besonders lange Wartezeit, eine überraschende Plus-Vier-Karte, eine knappe Niederlage, damit das Kind genau an der Stelle wächst, an der es gerade wachsen soll. Von außen sieht man ein Kind, das lacht und Karten legt, sich vielleicht auch einmal ärgert.
Dahinter steckt jedoch ein durchdachter Förderprozess, der genau deshalb funktioniert, weil er sich nicht wie einer anfühlt.
Merksätze
● Wenn ein Kind das Gefühl hat, wir spielen nur, ist das ein Erfolg.
● Spaß und Leichtigkeit sind keine Nebensache, sie sind die Grundlage dafür, dass überhaupt gelernt werden kann.
● Auf Augenhöhe zu sein, auch wörtlich am Boden, macht schwierige Themen zugänglich.
● Schon ein einfaches Spiel wie UNO trainiert gleichzeitig unterschiedliche Bereiche: Kognition, Frustrationstoleranz, Emotionsregulation, Kommunikation, Feinmotorik oder soziales Verständnis uvm.
● Auch das Vorbild der Fachperson, wie sie selbst mit Verlieren und Ärger, Freude und Aufregung umgeht, ist Teil der Förderung.
● Hinter jedem Spiel steckt ein geplanter Förderprozess mit klaren Zielen und bewusst gesetzten Entwicklungsbereichen.





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